Irgendwo in Deutschland richtet in diesem Moment eine 29-jährige Frau ihren ersten ETF-Sparplan ein – mit diesem Bild eröffnete Eric Leupold, Head of Cash Market der Deutschen Börse, das Deutsche Börse ETF-Forum 2026 in Frankfurt. Mehr als 500 Gäste waren gekommen, rund 100 mehr als im Vorjahr. Auffällig war nicht nur die Anzahl, sondern auch die Zusammensetzung: Das Publikum deutlich internationaler mit vielen ausländischen Emittenten und Investoren gegenüber den Vorjahren. Darin spiegelt sich eine bemerkenswerte Internationalisierung der ETF-Branche in Deutschland. Die sehr dynamisch wachsende Zahl an Anbietern, die in den vergangenen Monaten neu in den Markt gekommen sind, ist dafür ein deutliches Zeichen. Der Grund liegt auf der Hand: Der deutsche Retail-Markt gehört zu den spannendsten und fortschrittlichsten in Europa.
Rekorde auf Deutsche Börse Xetra
Leupold untermauerte das mit Zahlen. Mit dem 3.000. ETF erreichte Xetra einen neuen Höchststand an Listings. Privatanlegeraufträge für über 9,6 Milliarden Euro wurden im Rahmen von Xetra Retail seit Start ausgeführt, eine Initiative mit besseren Preisangeboten und längeren Handelszeiten. Davon knapp die Hälfte des Volumens in der Kernhandelszeit mit Preisverbesserung.
Seit Dezember 2025 wird von 8 bis 22 Uhr gehandelt; in den ersten neun Monaten 2026 entfielen bereits 21 Prozent des Retail-Volumens auf die neuen Randzeiten. Die Zahl der ETF-Sparpläne in Kontinentaleuropa hat sich in fünf Jahren auf mehr als 15 Millionen versechsfacht – Deutschland ist dabei der dynamischste Markt.
Altersvorsorgedepot: Rückenwind vom Gesetzgeber
Die staatlichen Pläne zum Altersvorsorgedepot dürften diese Entwicklung weiter beflügeln. Leupold nannte das Altersvorsorgereformgesetz die bedeutendste Reform seit Riester: Ab dem 1. Januar 2027 erhalten ETFs erstmals eine feste Rolle in der geförderten Vorsorge. Im Panel erwarteten Sören Ganz (flatexDEGIRO) und Patrick Diel (DWS Xtrackers) im Online-Kanal ein Verhältnis von 80:20 zugunsten einfacher ETF-Lösungen – im klassischen Vertrieb eher umgekehrt. Dr. Norbert Kuhn (Deutsches Aktieninstitut) wünscht sich einen einzigen ETF-Depotmantel, der von der Frühstartrente bis zur betrieblichen Vorsorge mitwächst.
Retail verändert den Handel
Wie stark Privatanleger den Markt bereits prägen, zeigte das Branchen-Roundtable mit Jim Goldie (Capital Group), Dirk Loscher (Clearstream Europe AG), Alex Roubaud (BlackRock) und Graham Southwell (DWS Xtrackers). An Tagen, an denen deutsche Sparpläne ausgeführt werden, sinkt die mittlere Ordergröße im Orderbuch um 25 Prozent. Dennoch liegt der Retail-Anteil am europäischen ETF-Handel erst bei rund 15 Prozent, in den USA bei etwa 45 Prozent – viel Luft nach oben.
Aktive ETFs: Fondsmanagement in neuer Verpackung
Ein weiterer Wachstumstreiber ist der Zuwachs von ETFs gegenüber klassischen Publikumsfonds, die zunehmend selbst in ETF-Verpackung auf den Markt kommen. Ruairidh Hill (J.P. Morgan AM) und John Mullins (PIMCO) zeigten die Dimension: In den USA stehen aktive ETFs für rund 13 Prozent des ETF-Vermögens, in Europa für unter 4 Prozent – doch schon jede vierte Neuemission ist aktiv. Besonders bei Anleihen sieht Mullins Chancen, weil Zentralbanken, Versicherer und Indexfonds nicht primär nach Preis handeln und so Ineffizienzen entstehen. Für Fondsselektoren kommt zu People, Philosophy, Process und Performance ein fünftes P hinzu: Platforms – die Handels- und Kapitalmarktinfrastruktur des Anbieters.
Makro: Moderates Wachstum, stabile Preise
Im Makro-Panel waren sich Freya Beamish (TS Lombard), Daniel Morris (BNP Paribas AM) und Christian Schulz (Allianz GI) einig: Die Eurozone hat die Inflation besser im Griff als die USA, das Wachstum bleibt aber moderat.
KI: Die Wertschöpfung wird physisch
Für einen nüchternen Blick auf den KI-Hype sorgte Dr. Florian Heinemann, Gründer und Partner von Project A Ventures, in seiner Keynote. Wagniskapital folge dem Potenzgesetz: Fünf von rund 160 Beteiligungen stehen bei Project A für über 90 Prozent des Portfoliowerts. Den großen Sprachmodell-Anbietern fehlten echte Netzwerkeffekte, zudem liegen chinesische Open-Weight-Modelle nur wenige Monate zurück. Einfache Software-Abos geraten unter Druck, wenn Kunden dank KI weniger Lizenzen brauchen. Europas Chance sieht Heinemann in Deep Tech, Robotik und Verteidigungstechnologie: Übernehmen Roboter den Großteil der Fertigung, werden auch hiesige Löhne wieder wettbewerbsfähig.
Wo die KI-Ökonomie an ihre Grenzen stößt, zeigte das Panel mit Tobias Marcks (Siemens Energy), Michael Stewart (Amundi) und AJ Ziegler (BlackRock). Die Engpässe sind physisch: Gasturbinen sind branchenweit auf fünf Jahre ausgebucht, Hochleistungs-Speicherchips liefern weltweit nur drei Hersteller. Beim Übergang zu „Physical AI“ – Robotik und autonomen Industriemaschinen – habe Europa dank Maschinenbau und Fertigungsdaten gute Karten. Für thematische ETFs forderte Stewart hohe Umsatzreinheit: Im Index sollen nur Unternehmen landen, die ihr Geld tatsächlich mit dem Thema verdienen.
Fazit
Das Deutsche Börse ETF-Forum 2026 hat gezeigt: Der deutsche ETF-Markt ist international, wächst rasant und bekommt mit dem Altersvorsorgedepot einen kräftigen Schub. Der ETF ist längst mehr als ein Indexprodukt – er wird zum Rückgrat von Vermögensaufbau und Vorsorge.
Photo: © Martin Joppen