Interview mit Dr. Karl Schäcke, CEO, ASTA Energy Solutions, und Stefan Maassen, Head of Capital Markets & Corporates, Deutsche Börse, in der Unternehmeredition 2/2026. Interview Eva Rathgeber
Die Energiewende sorgt für milliardenschwere Investitionen in Netze, Infrastruktur und Elektrifizierung. Davon profitiert auch das österreichische Unternehmen ASTA Energy Solutions, ein Spezialist für Hochleistungs-Kupferkomponenten für Transformatoren und Generatoren. Anfang 2026 wagte das Unternehmen den Sprung an die Frankfurter Börse. Im Doppelinterview sprechen CEO Dr. Karl Schäcke und Stefan Maassen von der Deutschen Börse über den IPO-Prozess, die Bedeutung des Kapitalmarkts für mittelständische Unternehmen und die Finanzierung der Energiewende.
Herr Dr. Schäcke, ASTA ist ein traditionsreiches Industrieunternehmen und Anfang des Jahres an die Börse gegangen. Warum gerade jetzt?
Dr. Karl Schäcke: Der Wunsch, an die Börse zu gehen, war schon deutlich früher da. Das Marktumfeld für Small- und Mid-Cap-Unternehmen war allerdings lange schwierig. Gleichzeitig waren wir zuvor Teil einer komplexeren Konzernstruktur, was die Equity Story für Investoren nicht einfacher gemacht hat. Erst nachdem ASTA als eigenständiges Unternehmen positioniert wurde, konnten wir unsere Wachstumsstory klar und fokussiert erzählen. Hinzu kam, dass wir seit 2023 unsere internen Prognosen quartalsweise übertroffen haben und langfristige Kundenverträge abschließen konnten – etwa mit Siemens Energy oder GE Vernova. Das hat uns Rückenwind gegeben.
Herr Maassen, war der Börsengang von ASTA auch ein Signal für den deutschen IPO-Markt insgesamt?
Stefan Maassen: Absolut. Es ist immer positiv, wenn früh im Jahr erfolgreiche IPOs stattfinden. ASTA hat gezeigt, dass der Kapitalmarkt auch für mittelständische Unternehmen wieder offen ist. Dabei kamen mehrere Faktoren zusammen: eine überzeugende Equity Story, das Thema Energiesouveränität in Europa, die Elektrifizierung sowie der steigende Energiebedarf durch Rechenzentren und KI. Das hat bei Investoren großes Interesse ausgelöst. Besonders wichtig war auch die Kapitalerhöhung zur Finanzierung des Wachstums. Genau dafür ist der Kapitalmarkt eigentlich gedacht.
Herr Dr. Schäcke, wie haben Sie die ersten Monate nach dem IPO erlebt?
Dr. Schäcke: Sehr intensiv, aber positiv. Die ersten Minuten am ersten Handelstag waren wahrscheinlich die längsten meines Lebens. Der erste Kurs lag zeitweise rund 60% über dem Ausgabepreis. Natürlich freut man sich darüber. Gleichzeitig war uns wichtig, realistische Erwartungen zu setzen und nicht Dinge zu versprechen, die wir nicht halten können. Wir haben unsere Jahresziele inzwischen sogar angehoben und den Konsens übertroffen. Entscheidend ist aber nicht der kurzfristige Kurs, sondern dass wir unsere Strategie nachhaltig umsetzen.
In das Marktumfeld fielen auch geopolitische Unsicherheiten, unter anderem im Nahen Osten. Wie robust zeigt sich das Geschäftsmodell von ASTA in einem solchen Umfeld?
Dr. Schäcke: Die jüngsten Entwicklungen haben aus unserer Sicht eher die Resilienz unseres Geschäftsmodells bestätigt. Natürlich gab es punktuell operative Herausforderungen, etwa in der Logistik oder Beschaffung. Insgesamt erwarten wir daraus aber keine wesentlichen negativen Effekte. Unsere Lieferketten sind breit aufgestellt, und im Sourcing verfügen wir über ausreichende Alternativen.
Herr Maassen, was müssen Unternehmen heute mitbringen, um „capital market ready“ zu sein?
Maassen: Vorbereitung, Transparenz und Glaubwürdigkeit. Ein Börsengang ist kein Endpunkt, sondern der Beginn einer langfristigen Kapitalmarktstory. Investoren wollen verstehen, warum ein Unternehmen an die Börse geht und wie die Wachstumsstrategie aussieht. Gerade im Small- und Mid-Cap-Segment sind eine klare Positionierung und nachvollziehbare Kommunikation entscheidend. Hinzu kommt: Was im IPO versprochen wird, muss anschließend geliefert oder idealerweise übertroffen werden. ASTA hat das sehr konsequent umgesetzt.
Herr Dr. Schäcke, wie groß war der organisatorische Aufwand?
Dr. Schäcke: Sehr groß. In der heißen Phase hatten wir bis zu 16 Investorentermine pro Tag. Gleichzeitig mussten wir intern sicherstellen, dass die Organisation auf Wachstum und Kapitalmarkt vorbereitet ist. Das betrifft Reporting, Governance, Prozesse und auch die Führungskultur. Der Kapitalmarkt zwingt Unternehmen im positiven Sinne zu noch mehr Professionalität.
Wofür wollen Sie die rund 125 Mio. EUR aus der Kapitalerhöhung konkret einsetzen?
Dr. Schäcke: Wir verfolgen drei zentrale Investitionsschwerpunkte. Erstens bauen wir weltweit Kapazitäten aus – unter anderem in China, Indien, Bosnien und Brasilien. Zweitens investieren wir massiv in Recycling und vertikale Integration, insbesondere im Bereich Kupferrecycling und Kupferverarbeitung. Dadurch stärken wir unsere Lieferkettenresilienz. Drittens verbessern wir unsere Bilanzstruktur und reduzieren den Verschuldungsgrad. Das schafft zusätzliche finanzielle Flexibilität für weiteres Wachstum.
Welche Marktchancen sehen Sie für ASTA?
Dr. Schäcke: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mehr als 40% der europäischen Stromnetze sind älter als 40 Jahre. Bis 2030 sollen allein in Europa rund 580 Mrd. EUR in Netze investiert werden. Weltweit sprechen wir über Billionenbeträge. Millionen Transformatoren erreichen derzeit ihr technisches Lebensende. Gleichzeitig verändert sich das gesamte Energiesystem – hin zu dezentraler Erzeugung und erneuerbaren Energien. Dafür braucht es leistungsfähigere und stabilere Netze. Genau davon profitieren wir.
Wie verändert ein Börsengang ein Unternehmen intern?
Dr. Schäcke: Die Sichtbarkeit steigt enorm. Ich sage intern oft: Wir stehen jetzt im Schaufenster. Quartalsweise schaut der Kapitalmarkt auf unsere Entwicklung. Das erhöht die Verantwortung, schafft aber auch Motivation. Wir nutzen diese Dynamik gezielt für Professionalisierung, Talentgewinnung und Weiterentwicklung.
Maassen: Viele unterschätzen, welchen Professionalisierungsschub ein Börsengang auslösen kann. Börsennotierte Unternehmen werden transparenter, vergleichbarer und oft auch attraktiver für Mitarbeiter und Geschäftspartner. Zudem eröffnet der Kapitalmarkt zusätzliche Möglichkeiten – etwa bei Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen oder internationaler Expansion. Wichtig ist auch die Schulung der Mitarbeitenden – was bedeutet es ein gelistetes Unternehmen zu sein.
Gab es auch Dinge, die Sie rückblickend anders machen würden?
Dr. Schäcke: Ja. Ich würde einige zusätzliche Spezialisten früher an Bord holen. Nach dem IPO entstehen sofort neue Anforderungen – etwa im Bereich Investor Relations, Reporting oder Governance. Diese Funktionen müssen vom ersten Tag an professionell besetzt sein.
ASTA verfügte mit Siemens Energy, Invesco oder BNP Paribas Asset Management über starke Cornerstone-Investoren. Wie wichtig war das?
Dr. Schäcke: Sehr wichtig. Siemens Energy war dabei nicht nur Investor, sondern auch ein starkes Signal an den Markt. Gemeinsam mit weiteren Cornerstone-Investoren hat das erheblich zur Transaktionssicherheit beigetragen und Vertrauen geschaffen.
Maassen: Gerade im aktuellen Marktumfeld sind Cornerstone-Investoren ein wichtiger Stabilitätsfaktor. Sie schaffen Momentum und erhöhen die Platzierungssicherheit. Gleichzeitig muss aber ausreichend Free Float bestehen bleiben, damit genügend Liquidität im Handel vorhanden ist. Diese Balance ist ASTA sehr gut gelungen.
Herr Maassen, wird 2026 aus Ihrer Sicht ein gutes IPO-Jahr?
Maassen: Der Start war definitiv positiv. Besonders erfreulich ist, dass mehrere Small- und Mid-Cap-Unternehmen erfolgreich an den Markt gekommen sind. Wenn wir 2026 zehn Neuzugänge in Frankfurt haben, dann war es ordentliches Jahr. Historisch gab es allerdings deutlich stärkere Jahre – Ende der 1990er und Anfang der 2000er haben wir teilweise weit über 100 IPOs pro Jahr gesehen. Aber entscheidend ist: Der Kapitalmarkt muss in Europa wieder stärker als Wachstumsinstrument genutzt werden.
Abschließend an Sie beide: Welche Rolle wird der Kapitalmarkt künftig für die Energiewende spielen?
Dr. Schäcke: Eine zentrale. Die Investitionen in Netze, Infrastruktur und Elektrifizierung sind so gewaltig, dass sie ohne Kapitalmarkt kaum finanzierbar wären. Die Energiewende braucht den Kapitalmarkt.
Maassen: Dem schließe ich mich an. Europa muss seine Wettbewerbsfähigkeit stärken. Dafür braucht es Wachstumskapital – und genau hier kann der Kapitalmarkt eine deutlich größere Rolle spielen als bisher.
ZU DEN INTERVIEWPARTNERN
Dr. Karl Schäcke ist CEO von ASTA Energy Solutions. Der promovierte Manager verfügt über langjährige internationale Industrieerfahrung und verantwortet seit mehreren Jahren die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens. Unter seiner Führung wurde der Börsengang in Frankfurt umgesetzt.
Stefan Maassen ist Head of Capital Markets & Corporates bei der Deutschen Börse. Er begleitet Unternehmen beim Zugang zum Kapitalmarkt und beschäftigt sich intensiv mit IPOs im Small- und Mid-Cap-Segment.
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